Von Abfallsammlern und Straßenkehrern

„Digitalisierung wird nicht nur einfache Jobs kosten“

Interview Sascha Jokovic

Sascha Jokovic ver.di Sascha Jokovic

Bedingungsgebundene Tarifarbeit und Mitgliedervorteilsregelungen – zwei Standbeine der Tarifpolitik, die in der Entsorgungsbranche in Baden-Württemberg weiter ausgebaut werden sollen. Für Sascha Jokovic, beim ver.di-Landesbezirk Baden-Württemberg zuständig für die Abfallwirtschaft,  muss damit  auch ein höherer Organisationsgrad einhergehen. Weil gute Tarifverträge nur zu erreichen sind, wenn die Beschäftigten hinter den Forderungen stehen. Zudem geht Jokovic auf den Kraftfahrermangel in der Entsorgung und die Herausforderungen der Digitalisierung ein.

Wie steht die Entsorgungsbranche derzeit in Baden-Württemberg da?

Jokovic: Die Entsorgungsbranche wächst. Der Müll wird von den Bürgerinnen und Bürgern immer gewissenhafter getrennt. Eine gute Mülltrennung wiederum ist der erste Schritt hin zu einer Wiederverwertung. Durch die gute Mülltrennung entstehen Nischen, auf die sich die Unternehmen spezialisieren. Wiederverwertung wird künftig eine immer größere Rolle spielen – auch weil unsere Ressourcen begrenzt sind. Ergo spielt die Entsorgungsbranche weiterhin eine wichtige Rolle in der Gesellschaft und in der Wirtschaft. Vermutlich wird ihre Rolle in den kommenden Jahren sogar wachsen.

Stichwort Rekommunalisierung. Holen die Kommunen Aufträge, die sie an Private vergeben haben, wieder zurück?

Jokovic: Über Rekommunalisierung wird auch in Baden-Württemberg immer wieder diskutiert. Es passiert jedoch wenig. Sicher, die eine oder andere Kommune nimmt den einen oder anderen Entsorgungsauftrag wieder zurück und erledigt es selbst. Wir unterstützen jede Form der Rekommunalisierung, weil dadurch die Kolleginnen und Kollegen unter den Tarifvertrag öffentlicher Dienst fallen und damit deutlich mehr verdienen als in der privaten Abfallwirtschaft.

Aber es geht nicht nur um Rekommunalisierung. Die Kommunen müssen endlich aufhören, immer auf den billigsten Anbieter zu setzen. Die Kommunen müssen bei den Ausschreibungen Standards festlegen – sowohl was die Umwelt, aber vor allem was die sozialen Standards und die Entlohnung der Beschäftigten betrifft. Die Kommunen haben  viele Möglichkeiten, Billigheimer zu verhindern und dafür zu sorgen, dass sich der Wettbewerb um die Qualität der Dienstleistung dreht und nicht um die niedrigsten Löhne.

Wie wird sich die Beschäftigung in der Entsorgung entwickeln?

Jokovic: Das ist schwer vorauszusagen: Die Digitalisierung wird Jobs kosten – nicht nur in Bereich der geringen Qualifizierung. Wobei gerade in der Entsorgung viele Kolleginnen und Kollegen bisher einen sicheren Job fanden, obwohl sie nicht so hoch qualifiziert sind. Durch eine zunehmende Automatisierung geht ein Teil dieser Stellen verloren. Man muss aber auch sehen, dass manche Jobs in der Entsorgung dreckig, anstrengend und schlecht bezahlt sind – wie die Arbeit an Sortieranlagen. Generell ist nichts dagegen einzuwenden, dass solche Job von Maschinen übernommen werden. Vorausgesetzt, es entsteht an anderer Stelle Arbeit für gering Qualifizierte und die Unternehmen investieren in die Qualifizierung. Damit die Kolleginnen und Kollegen, die bisher an den Bändern standen, nicht arbeitslos werden.

Die Digitalisierung wird aber auch qualifizierte Job unnötig machen.

Jokovic: So ist es. Wir dürfen den Blick nicht nur auf die gering Qualifizierten richten. Die Digitalisierung ist dabei, auch in der Logistik einiges durcheinanderzuwirbeln. Auch hier muss die Weiterbildung ansetzen. Denn künftig werden die Computer Touren planen zum Beispiel. Wir wissen nicht, wie schnell diese Entwicklung voranschreitet. Wenn wir aber nicht zu spät kommen wollen, müssen wir uns jetzt mit dem Thema befassen, müssen jetzt alles daran setzen, die Weichen zu stellen und die Digitalisierung zu gestalten.

Auch was den Datenschutz angeht. Schon heute sind die Kolleginnen und Kollegen sozusagen gläsern. Der Arbeitgeber weiß immer, wo der Müllwagen sich befindet, ob er steht, ob er fährt. Und damit weiß der Arbeitgeber auch immer über die Beschäftigten Bescheid. Es darf nicht sein, dass mit diesen Fahrzeugdaten die Kolleginnen und Kollegen überwacht werden – genau das geschieht heute aber vielerorts. Da sind die Betriebsräte gefragt, den Arbeitsgebern mit Betriebsvereinbarungen deutlich zu machen, was geht und was nicht geht.

Die Gestaltung der Digitalisierung ist eine der ganz großen Aufgaben, die vor uns liegen. Es ist höchste Zeit, dass sich ver.di und die Beschäftigten in diese Diskussionen einklinken. Denn unsere Arbeitsbedingungen werden sich mit der neuen Technik ändern. Es muss darum gehen, gute Arbeitsbedingungen zu verteidigen und in neuen Bereichen die Möglichleiten der Technik da einzuschränken, wo die Interessen der Kolleginnen und Kollegen negativ tangiert werden.

ver.di will den Organisationsgrad in der Abfallwirtschaft auch in Baden-Württemberg erhöhen.

Jokovic: Das ist unser Ziel. Denn gerade in der Abfallwirtschaft ist beim Organisationsgrad noch viel Luft nach oben – in der öffentlichen Entsorgung, aber vor allem in der privaten Abfallwirtschaft. Und gerade hier brauchen wir starke Belegschaften, um gute Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Es zeigt sich, dass in der privaten Abfallwirtschaft der Flächentarifvertrag des Bundesverbandes der deutschen Entsorgungswirtschaft keine Bindungswirkung mehr hat. Das heißt: Noch mehr als bisher werden wir auf Haustarifverträge ausweichen müssen. Voraussetzung für gute Haustarifverträge ist ein hoher Organisationsgrad.

Welche Rolle spielt dabei die bedingungsgebundene Tarifarbeit?

Jokovic. Sie ist die Basis. Verschiedene Beispiele haben gezeigt, dass die bedingungsgebundene Tarifarbeit gute Tarifverträge zu Folge hat. Weil wir mit dieser Methode weit mehr auf Augenhöhe mit den Arbeitgebern verhandeln. Die Position der Verhandlungskommission wird gegenüber den Arbeitgebern gestärkt.

Das heißt aber für uns: Wir müssen noch engeren Kontakt zu den Belegschaften pflegen. Es geht dabei darum, herauszufinden, wo genau sie der Schuh drückt. Wir müssen die Kolleginnen und Kollegen da abholen, wo sie stehen. Denn nur, wenn wir ihre Anliegen ernst nehmen, wenn wir uns hinter ihre Forderungen stellen und diese Forderungen aktiv vertreten, werden die Kolleginnen und Kollegen sich auch engagieren und für ihre Anliegen auf die Straße gehen. Das wiederum ist notwendig, damit die Arbeitgeber die Forderungen ernstnehmen. Ähnlich war es auch vor einigen Jahren, als ALBA wieder zurück in den Tarif kam. Damals hieß es nicht bedingungsgebundene Tarifarbeit – aber letztendlich wurde diese Methode damals hier in Baden-Württemberg angewandt. Der Erfolg gibt den Beschäftigten und uns Recht.

Worin besteht die tarifpolitische Hauptaufgabe der kommenden Jahre?

Jokovic: Wir haben in Sachen Tarifpolitik in der privaten Abfallwirtschaft einen Flickenteppich. Diesen Flickenteppich aufzulösen und wieder einheitliche Bedingungen für alle zu schaffen, das ist die Aufgabe der nächsten Jahre. Aber ganz klar: Wir wollen keinen Flächentarifvertrag auf der Basis eines kleinsten gemeinsamen Nenners. Das kann es nicht sein. Wir wollen gute Arbeitsbedingungen für die Kolleginnen und Kollegen – sowohl was die Bezahlung angeht als auch bei den anderen Rahmenbedingungen wie Urlaub, Sonderzahlungen, Wochenarbeitszeit oder beim Arbeits- und Gesundheitsschutz. Gleiche Bedingungen für alle sind nicht nur im Interesse der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Ein einheitliches Niveau bei den Arbeitsbedingungen schafft auch für die Arbeitgeber gleiche Bedingungen im Wettbewerb und damit Verlässlichkeit.

Tarifpolitisch von enormer Bedeutung sind für ver.di auch Regelungen für ver.di-Mitglieder. Wir haben diesen Weg in der privaten Abfallwirtschaft vor ein paar Jahren eingeschlagen und wollen damit auch weitermachen. Es muss sich für  die Beschäftigten, die sich in ver.di für gute Arbeitsbedingungen stark machen, mit einer Mitgliedervorteilsregelung zusätzlich lohnen.

Vor einigen Jahren machte sich ver.di für einen eigenen Mindestlohn für Fahrer stark. Jetzt sieht die Situation für Fahrer ganz anders aus.

Jokovic: Fahrer sind heute rar. Alle Entsorgungsunternehmen suchen Fahrer. Die Unternehmen müssen Geld auf den Tisch legen, sonst bekommen sie keine Fahrer. Das gibt die fast schon absurde Situation, dass neu eingestellte Fahrer mehr Geld nach Hause bringen als die Alten, die seit Jahren für das Unternehmen loyal und zuverlässig arbeiten. Das führt zu großem Unmut in den Unternehmen.

Inzwischen haben verschiedene Entsorger Fahrschulen gegründet oder geben ihren Beschäftigten Zuschüsse, wenn sie den Lastwagenführerschein machen. Sie gehen auch gezielt auf Frauen zu wie ALBA zum Beispiel. Aber in Sachen duale Ausbildung zum LKW-Fahrer – da passiert noch zu wenig. Es geht nicht, dass die Unternehmen jammern, dass sie keine Fachkräfte kriegen und sich aus der Ausbildung raushalten. Ausbildung wie auch Weiterbildung müssen bei Öffentlichen wie bei Privaten Standard werden. Da gibt es noch einiges zu tun.

Ausbildung ist eine Antwort auf den demografischen Wandel?

Jokovic: Wer qualifizierte Arbeitskräfte braucht und sie auf dem Arbeitsmarkt nicht findet, der muss ausbilden. Es zeichnet sich seit Jahren ab, dass infolge des demografischen Wandels auf dem Arbeitsmarkt Fachkräfte rar werden. Doch darum allen geht es nicht. Die Belegschaften werden älter – in der privaten wie in der öffentlichen Entsorgung. Ein Job in der Müllabfuhr geht auf die Knochen. In der Folge ist der Krankenstand in der Entsorgung sehr hoch. Wir brauchen deshalb Regelungen, um die Belastungen für die Kolleginnen und Kollegen zu senken. Lebensarbeitszeitkonten wären eine Möglichkeit, aber auch neue Regelungen zur Altersteilzeit. Verschiedene Unternehmen haben längst entsprechende Regelungen getroffen, um den Herausforderungen der Demografie Rechnung zu tragen. Solche Regelungen braucht es für alle Unternehmen.

Stand: Juli 2017