Von Abfallsammlern und Straßenkehrern

Vom Müllsammler zum Straßenreiniger

Herausforderungen für die Abfallwirtschaft

Abfallwirtschaft Bender Abfallwirtschaft

Die Entsorgungsbranche ist im Umbruch. Die Digitalisierung wird die diese Branche durcheinanderwirbeln.  Davon sind Experten überzeugt. Längst haben deshalb die Unternehmen begonnen, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie sich in Zukunft aufstellen. Aber die Digitalisierung ist es nicht allein, was die Branche umtreibt. Auch die Demografie macht sich in der Branche bemerkbar – und gleich in mehrfacher Hinsicht.

Die Belegschaften altern. Auch in der Entsorgungsbranche. Ob bei den Öffentlichen oder den Privaten – das Durchschnittsalter der Beschäftigten liegt bei Mitte 40 oder gar höher. Das ist umso gravierender, als in der Entsorgung nach wie vor Muskelkraft gebraucht wird: Es fällt in zunehmendem Alter schwerer, die Tonnen aus den Höfen oder gar den Kellern auf die Straße zum Müllauto zu hieven. Lader war immer und ist es immer noch ein Knochenjob. Und das macht sich mit zunehmendem Alter bemerkbar: Der Krankenstand steigt.

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Alternsgerechtes Arbeiten

Kein Wunder, dass zumindest in der öffentlichen Abfallwirtschaft schon seit Jahren über Demografie-Regelungen diskutiert wird. Einige große Unternehmen haben auch längst entsprechende Personalvereinbarungen mit den Belegschafen abgeschlossen – die als Antwort auf die Herausforderungen des demografischen Wandels angesehen werden.

Diese Regelungen enthalten Passagen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz, aber auch Lebensarbeitszeitkonten, Maßnahmen zur Personalentwicklung und zur Weiterbildung. Der Tenor: Der Betrieb soll nicht erst aktiv werden, wenn der Rücken krumm ist und der Herzinfarkt gerade überstanden. Altersgerechtes Arbeiten muss für ver.di bereits mit der Ausbildung, mit dem Eintritt in den Betrieb beginnen. Damit der Rücken erst gar nicht krumm wird. Gerade in der Abfallwirtschaft geht es dabei auch um den Einsatz von Technik – von neuer Technik, die den Kolleginnen und Kollegen das Heben und Tragen der Mülltonnen abnimmt zum Beispiel.

Die Digitalisierung wird aller Voraussicht nach die Maschine noch weiter voranbringen. Bereits heute gibt es Sortieranlagen, die sortieren Müll gründlicher, als es ein Mensch kann. Selbst kleine Teile werden in den richtigen Container befördert. Gutes Sortieren macht echtes Recyclen erst möglich. Heute wird vor allem down-recycelt. Das bedeutet, dass das Produkt, das aus den Materialen entsteht, eine schlechtere Qualität hat als das Produkt, aus dem es entstand. Als Tetrapacks werden Parkbänke und Mülleimer, aber keine neuen Tetrapacks. Und: Nach wie vor landen die von den Verbraucherinnen und Verbrauchern teilweise gar ausgespülten Verpackungen dann doch im Hochofen der Verbrennungsanlage – und werden energetisch oder thermisch wiederverwertet – also verbrannt wird und daraus Wärme oder Strom erzeugt.

Sortiermaschinen könnten vom Umweltaspekt her gesehen somit ein weiterer Schritt in die richtige Richtung sein. Allerdings gehören dann die Jobs in der Müllsortierung auch der Vergangenheit an. Heute sind für die Unternehmen solche Maschinen noch eine zu große   Investition, denn diese Maschinen sind teuer. Aber wie wird das in fünf oder zehn Jahren sein? Möglicherweise arbeiten dann schon solche Maschinen unterm Strich deutlich günstiger als die Menschen an den Sortierbändern.

Betriebsräte erinnern daran, dass diese Jobs alles andere als eine Form der guten Arbeit darstellen: Sie sind dreckig, anstrengend, monoton und schlecht bezahlt. Aber es sind einfache Tätigkeiten. Eine besondere Qualifikation wird nicht benötigt. Ist es ein Segen oder Fluch, wenn immer mehr Arbeitsplätze, in denen keine Qualifikation gebraucht wird,  verschwinden?

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IT-Spezialisten gesucht

Eine ähnliche Entwicklung ist in der Straßenreinigung zu beobachten: Immer seltener werden die Frauen und Männer in Orange, die mit dem Reisigbesen den Unrat in den Kommunen zusammenfegen. Maschinen übernehmen die Arbeit, kleine Lastwagen, die die Straße kehren. Der Fahrer dieser Wagen braucht den entsprechenden Führerschein als Qualifikation. Möglicherweise wird auch sein Job auf absehbare Zeit verschwinden und seine Arbeit von einer Maschine übernommen, die sich selbst fährt. Stichwort: autonomes Fahren.

Wenn aber ein Großteil der Jobs in der Entsorgung, für die keine oder nur eine geringe Qualifikation gebraucht wird, verschwindet, ändert sich auch der Charakter der Entsorgung. Bisher bot und bietet gerade diese Branche all jenen eine Chance auf eine Karriere, die ihren eigentlichen Beruf aus welchen Gründen auch immer an den Nagel gehängt hängten haben oder für all die, deren Qualifikation in Deutschland oder in der EU nicht anerkannt wird, die sich aber hier eine Existenz aufbauen wollen. Traditionell ist der Anteil der Migranten in der Müllabfuhr relativ hoch. Mit zunehmender Technisierung und zunehmender Digitalisierung wird sich dieser Charakter der Entsorgung radikal wandeln.

Doch auch qualifizierte Stellen sind angesichts der Digitalisierung nicht generell gesichert. Der Computer plant Touren – mit Fahrer oder ohne – sorgfältiger und schneller als der Mensch. Der Computer schreibt Mahnungen rechtssicherer als der Anwalt. Es deutet vieles darauf hin, dass Tourenplaner und Anwälte künftig in der Entsorgung seltener gebraucht werden.

Die Branche wird sich verändern. Ob letztendlich weniger Beschäftigte in der Entsorgung arbeiten werden oder vielleicht gar mehr, ist noch nicht ausgemacht. Unternehmen aber, die sich bereits heute auf die Zukunft vorbereiten und neu ausrichten, haben den Blick auf Computerfachleute gerichtet. Künftig werden deutlich mehr Computerspezialisten in der Entsorgung beschäftigt sein.