Von Abfallsammlern und Straßenkehrern

ALBA fordert Umdenken bei der Arbeitszeit

Interview ALBA SE-Direktorin Carla Eysel

Carla Eysel ALBA Carla Eysel

Die demografische Entwicklung sieht Carla Eysel, Geschäftsführende Direktorin der ALBA SE,  als eine der größten Herausforderungen der Branche. Eine große Rolle dabei spielt die Ausbildung – wobei ALBA auch verstärkt Frauen für die Entsorgungsbranche gewinnen will. Die Digitalisierung wird die Entsorgungsbranche zudem auf den Kopf stellen: Computer und Maschinen werden in den kommenden Jahren verstärkt Tätigkeiten übernehmen. Dabei stehen laut Eysel nicht nur Jobs mit geringer Qualifizierung zur Disposition, sondern alle Bereiche, die der Computer schlicht besser kann. Auch in der Entsorgung werden künftig deshalb generell mehr IT-Fachleute gebraucht.

Was treibt die Abfallwirtschaft 2017 mehr um – das Treiben der kleinen, tariflosen Abfallunternehmen, die immer noch die großen bei Angeboten unterbieten, oder die Herausforderungen der Demografie?

Eysel:  Die demografische Entwicklung. Wie anderen Branchen auch fehlt uns der Nachwuchs – zum Beispiel LKW-Fahrer. Zudem ändern sich die Anforderungen in der Abfallwirtschaft. Deshalb beschäftigen die Folgen, die der demografische Wandel auf allen Ebenen mit sich bringt, uns Verantwortliche in der Abfallwirtschaft derzeit am meisten. Dabei geht es um die Gewinnung von Fachkräften ebenso wie um die Herausforderungen, die mit einer alternden Belegschaft einhergehen.

Die kleinen Firmen, die bei Aufträgen die großen, tarifgebundenen Unternehmen unterbieten, sind kein Problem mehr?

Eysel: Sicher gibt es derzeit noch den einen oder anderen Fall, bei dem das geschieht. Die demographische Entwicklung und der technologische Wandel werden die Anforderungen an die Arbeitgeber auch im Hinblick auf die Lohnhöhe verändern, so dass sich dieses Thema von selbst erledigen wird. Die großen Unternehmen in der Abfallwirtschaft konkurrieren hier vor allem mit den Großen anderer Branchen. Diese bezahlen Arbeitern so viel, dass ihr Ursprungsberuf nicht mehr attraktiv ist. Und was die Fahrer betrifft: Hier konkurrieren wir mit den Speditionen. Die ganz kleinen Familienunternehmen – echte Drei--Mann-Betriebe, in denen Vater und Sohn den Müll abholen und die Mutter die Verwaltung macht – sie werden die veränderten Anforderungen unserer Branche vermutlich nicht meistern können.

Wie sieht die Abfallwirtschaft in zehn Jahren aus? Vollkommen anders als heute?

Eysel: Es wird immer noch darum gehen, dass Abfall abgeholt, sortiert und natürlich auch stofflich verwertet wird. Aber die Arbeitsabläufe werden ganz anders sein. Weil die Digitalisierung weiter Einzug in die Branche hält, und weil sie es möglich macht, dass noch mehr automatisiert wird. Diese Entwicklung kommt einer zweiten industriellen Revolution gleich. Natürlich kann man heute noch nicht bis ins kleinste Detail sagen, wie die Unternehmen in zehn Jahren aufgestellt sein werden. Aber die Entwicklung wird schon deutlich: So wird es weniger Stellen in der Verwaltung geben – und das wird sich nicht erst in zehn Jahren zeigen, sondern bereits in zwei bis vier Jahren.  Rechnungen werden digital erzeugt und in das Empfängersystem gebucht, wesentliche Teile der Kommunikation mit Kunden werden digital erfolgen. Programme übernehmen die Logistik in den Hallen – sie sorgen für eine ideale Auslastung der Anlagen. Lernende Systeme werden die Bedürfnisse von Kunden vorhersehen und Vorschläge machen, wie wir ihnen gerecht werden. Deshalb ist es zu einfach zu sagen, dass durch die Digitalisierung nur einfache Aufgaben  betroffen sind – die Anforderungen an das Arbeiten werden sich in den nächsten fünf Jahren für die meisten von uns ändern.

Welche Bereiche haben Sie dabei im Blick?

Eysel: Wir werden in Zukunft nicht mehr so viele Juristen brauchen. Intelligente Programme können beispielsweise rechtliche Sachverhalte unter die jeweilige Rechtslage subsumieren – damit werden Entscheidungen vorbereitet und weniger anfällig für Fehlentscheidungen durch den Menschen. Und das sage ich als Juristin! Die Digitalisierung beeinflusst nicht nur geringqualifizierte Jobs, sondern auch Berufe, die eine hohe Qualifikation brauchen. Was genau passieren wird, weiß heute niemand. Aber es deutet vieles darauf hin, dass gerade im Transportbereich das autonome Fahren künftig eher Standard als Ausnahme sein wird – vorausgesetzt, die Politik setzt die entsprechenden Rahmenbedingungen. Generell werden intelligente Maschinen künftig Arbeitsabläufe bestimmen. Der Mensch wird für die Fehlersuche und die Gestaltung der Rahmenbedingungen da sein – in der Logistik wie in der Verwaltung. Auch in der Abfallwirtschaft werden in Zukunft deshalb noch mehr IT-Fachleute gebraucht.  Vermutlich werden die Unternehmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch umqualifizieren müssen. Menschen werden infolge der Digitalisierung vor allem in Bereichen arbeiten, in denen der Innovationsvorsprung nichts bringt, in denen Menschen mit der Technik konkurrieren können oder gar besser sind als die Maschine und in Bereichen in denen die Kombination aus Mensch und digitalem Prozess das beste Ergebnis hervorbringt..

Das heißt, es werden Stellen verlorengehen?

Eysel: Ob unterm Strich der Arbeitsmarkt künftig weniger Menschen braucht, ist nicht absehbar. Aber die Technik wird einfache, schmutzige Tätigkeiten übernehmen; Tätigkeiten, die bisher von gering Qualifizierten ausgeübt wurden. Deshalb wird sich auch die Politik Gedanken darüber machen müssen, wie gering Qualifizierte weiter gesellschaftlich integriert bleiben – wenn ein Großteil der Jobs wegfällt, die sie bisher innehatten.

Es heißt, die Abfallwirtschaft baut ihre Tätigkeitsfelder aus – zum Beispiel in den Bereich der Straßensauberkeit.

Eysel: Das ist kein neues Geschäftsfeld. Es geht dabei zum Beispiel um das autonome Straßenkehren. Wir überlegen, wie wir als Unternehmen mit der entsprechenden Technologie die Kommunen unterstützen können. Denkbar wäre zum Beispiel, dass in einer Smart City die Entsorgungswirtschaft Maschinen zur Verfügung stellt, die Plätze ohne Personal und genau dann säubern, wenn die Bürgerinnen und Bürger oder der Zustand der Straßen das verlangen.

Stichwort Wertstoffe. Welche Rolle nimmt die Sortierung und Wiederverwertung ein?

Eysel: Eine große Rolle – davon gehe ich aus. Denn kein Land der Welt kann es sich mittelfristig leisten, scheinbaren Abfall nicht als Wertstoff zu behandeln. Denn die Stoffe, die bei der Herstellung der Produkte verbraucht werden, sind endlich. Es geht darum, die Wiederverwertung immer weiter zu steigern. Auch die Industrie legt immer mehr Wert darauf, Produktionsabfälle wiederzuverwerten. Weil sie dabei viel Geld spart und die Umwelt schont. Das Ziel muss sein, dass aus dem Abfall ein neues, mindestens gleichwertiges Produkt wird, besser noch ein höherwertiges Produkt. Das nennt sich Up-Cycling. Bei der Verbrennung werden zwar - wenn man es richtig macht - Wärme und Energie genutzt. Aber es ist ein unbefriedigender Weg angesichts der insgesamt knappen Rohstoffe. Denn, einfach gesprochen: Was verbrannt wird, ist unwiederbringlich vernichtet. Die Entsorgungs- und Recyclingwirtschaft kann somit insgesamt dazu beitragen, dass die Welt etwas besser wird. Dazu braucht sie aber entsprechende Rahmenbedingungen, die die Politik setzen muss.

Die Branche klagt über zu wenig Nachwuchs. Sie auch?

Eysel: Der demografische Wandel wird inzwischen sichtbar, keine Frage. Und generell stapeln sich inzwischen die Bewerbungen nicht mehr. Aber das beste Mittel gegen Nachwuchsmangel heißt Ausbilden. Alba tut das seit Jahren. Und wir werden das auch weiter tun. Denn selbst Ausbilden heißt auch, das Unternehmen schafft sich eine gute Mitarbeiterstruktur. Wir wollen auch mehr Frauen in unser Unternehmen holen und bilden deshalb auch Fahrerinnen aus. Dass wir auch Teilzeitmodelle ermöglichen, versteht sich von selbst. Dadurch bieten wir auch eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Die Branche hat nach wie vor ein Imageproblem.

Eysel: Das sehe ich nicht so. Das Ansehen hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Die Fahrerinnen und Fahrer wissen, dass sie einen verantwortungsvollen Job haben. Schon kleine Kinder sind fasziniert von Müllwagen. Unsere Fahrerinnen und Fahrer steuern teure Maschinen, teure Lastwagen mit jeder Menge Technik. Und sie tragen mit ihrer Arbeit dazu bei, dass die Welt sauberer wird. Sie sind also Fachkräfte für Umweltschutz. Für viele Hochschulabsolventen, die beruflich in die Entsorgungswirtschaft einsteigen, spielt der ökologische Aspekt der Branche eine entscheidende Rolle. Nein, wir haben kein Imageproblem, sondern ein Sichtbarkeitsproblem. Da müssen wir ansetzen – auch in unserer Werbung.

Generell hat die Branche – gerade was Fahrer betrifft – gegenüber Speditionen erhebliche Vorteile: Unsere Beschäftigten haben einen geregelten Tagesablauf und sind abends zu Hause bei der Familie. Pluspunkte, die wir in der Außendarstellung besser hervorheben müssen.

Welche Forderungen hat die Entsorgungswirtschaft an die Politik?

Eysel: Ich kann nicht für die gesamte Branche sprechen. Wir erwarten, dass sich in Sachen Arbeitszeit ein Umdenken einstellt. Unsere Arbeitszeitmodelle sind fast 100 Jahre alt. Inzwischen haben wir Mühe, diese Modelle mit dem Alltag in Übereinstimmung zu bringen. Wann beginnt Arbeit? Wo hört sie auf? Darüber müssen wir diskutieren. Es geht nicht darum, die Arbeitszeit und damit die Belastung der Mitarbeiter insgesamt zu erhöhen. Es ist aber erforderlich und sinnvoll, dass wir alle flexibler arbeiten und die Möglichkeiten flexiblen Arbeitens auch nutzen können.

Und wir müssen darüber diskutieren, wie wir digitale Technik einsetzen und gleichzeitig die Mitarbeiterrechte vernünftig und fair regeln. Bisher muss der Betriebsrat zustimmen, wenn diese Technik zum Einsatz kommt. Ohne diese Technik hätte ein Unternehmen einen klaren Wettbewerbsnachteil. Wir brauchen sie – zum Beispiel, um Störfälle schnell zu erkennen und zu orten. Bei der Digitalisierung werden Daten erzeugt, die geeignet sind, Mitarbeiter zu überwachen – in der Regel als Nebeninformation eines Geschäftsprozesses. Diese Daten können aber nicht nur für einen effizienteren Betriebsablauf genutzt werden, sondern auch zum gesundheitlichen oder rechtlichen Schutz der Mitarbeiter. Ein Beispiel: Es kann unterschiedliche Ursachen haben, wenn ein Müllwagen mitten im Betriebsablauf lange steht – ein Stau, ein Unfall oder vielleicht ist der Fahrer ohnmächtig geworden. Wenn es Unstimmigkeiten gibt, lässt sich genau klären, was passiert ist. Diese Technik zu verdammen, nur weil mit ihr auch Mitarbeiterdaten entstehen, ist nicht nur unsinnig, sondern gefährdet insgesamt die Arbeitsplätze. Wir müssen also gemeinsam faire Regeln finden, wie wir die Technik sinnvoll nutzen können.

Nach Jahren der Tariflosigkeit ist Alba wieder zurück im Tarif. Was hat sich dadurch geändert?

Eysel: Die Tarifbindung ist Teil der Unternehmenskultur in Süddeutschland. Hinzu kommt das wirtschaftliche Umfeld in Süddeutschland mit den großen Unternehmen, mit denen wir um Arbeitskräfte konkurrieren. Und wir haben in Süddeutschland mit ver.di und den Betriebsräten attraktive Partner, mit denen wir zusammenarbeiten können. Deshalb habe ich mich dafür stark gemacht, dass die Unternehmen der Alba Süd wieder zurückkehren in den Tarif. Mit der Rückkehr in den Tarif haben wir auch gezeigt, dass wir mit unseren Beschäftigten gut, fair und professionell zusammenarbeiten wollen. Und wir haben damit unsere Marktposition verbessert.

Stand: Juli 2017

 

Carla Eysel

Caral Eysel ALBA Carla Eysel

Carla Eysel, 1972 in Reutlingen geboren, hat in Regensburg und Tübingen Rechtswissenschaften und an der University of East London International Management studiert. Sie verantwortet seit 2007 bei der ALBA Group plc & Co. KG, Berlin, unter anderem den Bereich Business Development & Organisation (HR, IT, Einkauf und Business Development). Zudem ist sie seit Beginn dieses Jahres Geschäftsführende Direktorin der ALBA SE.